Donnerstag, 31. Dezember 2015

Patagonien Ost

Ich seh´lefanten, Seeelefanten! Wart mal. Das sind ja mindestens 60 davon! Und weit und breit niemand sonst an diesem weiten Strand. Wenig Action. Die liegen alle fad am Schotter herum in der Nachmittagssonne.

„Bleiben wir trotzdem hier?“ Weit und breit keine Menschenseele hier in der weiten Bucht der patagonischen Atlantikküste. „Klar, schau, da drüben fangen grad zwei an zu kämpfen!“
Und das war der Beginn eines beeindruckenden Nachmittags. Anders als auf Valdes – im Nationalpark ist halt alles reglementiert – spazieren wir zwischen den Tieren umher und es gibt auch Interaktionen. Von neugierigen Beäugen bis zum trötenden „Schleicht´s euch!“ reicht die Palette. Immer wieder kommt es zu Zweikämpfen – zwischen den teilweise beeindruckend großen Bullen, wir halten uns da eher raus.
Sie stellen sich auf, gröhlen wie betrunkene Teenager, prallen mit der vollen Wucht ihrer schweren Körper frontal gegeneinander, beißen sich im Fell des Gegners fest – und fallen nach Minuten der Anstrengung wieder in die bewegungslose Ruhephase. Dann geht’s von vorne los. Vielleicht mit einem neuen Gegner. Nicht selten geht das Ganze blutig ab, wenn sich einer in das Halsfett des Opponenten verbeißt.


Ein sensationeller Tag, wir bleiben gleich noch den nächsten Vormittag fasziniert vor Ort. Es hat schon Vorteile, wenn man nicht am Asphalt der „Ruta 3“ dahinrollt, sondern die einsame, streckenweise rumpelige Küstenpiste RP 1 nimmt (benannt übrigens nach Juan Peron, dem legendären Präsidenten..).

Ein Pflichtbesuch ist Punta Tombo, hier befindet sich die größte Pinguinkolonie Südamerikas. Und die größte Touristenansammlung der Gegend. Erfreulicherweise werden die betagten Kreuzfahrer aber zu Hunderten gerade wieder in die Busse zurück zum Schiff verfrachtet, sodass wir die putzigen Magellan-Pinguine fast für uns und jedenfalls aus nächster Nähe haben. In ihren Bruthöhlen piepst es unüberhörbar: der flaumige, etwa 10 cm große Nachwuchs möchte endlich etwas von der Welt sehen – was des Vaters geschickter Flügelstummel aber zu verhindern weiß. Noch.


  

Über der Pinguinkolonie kreist der Feind: Sturmvögel, Seevögel mit mehr als 2m Flügelspannweite patroullieren, um die ersten mutigen Jungvögel zu entdecken – die wohl ein wunderbares Mahl abgeben...

 Eine Ausweiche. Da hier sowieso niemand fährt, bleiben wir am Straßenrand mit Blick auf die Weite des Ozeans... Damit unser Schlafwagen gerade steht, drehe ich ihn um. Und als ich aussteige, höre ich es schon: Luft pfeift aus dem Reifen. Großes Loch, mitten in der Lauffläche. Offenbar seit 10 Sekunden. Schnell den Wagenheber raus, dann muss ich wenigstens nicht so hoch kurbeln. (Gut, dass ich in Santa Cruz den alten Ersatz-Reservereifen gekauft habe...) Unglaublich: schon der dritte Reifenschaden, zum dritten Mal links hinten. 


Der nächste Ort ist nur 10km entfernt, aber der Mechaniker weißt nichts von seinem Glück: er könnte bei uns zwei Reifen flicken – aber er lässt sich nicht blicken.

Also holpern wir weiter südwärts und wollen nochmals am Meer übernachten: in der Bahia Bustamente gibt es nette Hütten und viel zu sehen, weiß der Reiseführer. Nach 100km Staubstraße sind wir dort und ernüchtert: eine kleine, nette Strandhütte wäre uns vorgeschwebt, so ein wenig Abwechslung vom im-Auto-schlafen. Eine Häuschen mit Vollpension und allerlei Aktivitäten inklusive um dezente 310 US-Dollar pro Person wurde offeriert.
Andererseits: Am Strand durften wir gratis campieren und zu einer Dusche wurden wir auch eingeladen. Herrlich: ein windstiller Tag – und ein windstiller Abend. Ich springe noch schnell in den mäßig warmen Ozean, ein paar Nandus schauen am Strand vorbei und eine schön gezeichnete Möwe verzehrt gerade einen großen orangefarbenen Krebs, noch lebendig. Widerstand vergebens.

   

Wir trinken Rotwein und freuen uns über diesen milden Abschied vom Atlantik.