Freitag, 1. Januar 2016

Zurück nach Argentinien - über den Pass der vielen Gesichter

Natürlich wäre es reizvoll, eine Straße bis an ihr Ende zu fahren. Weniger erbaulich ist aber der Gedanke, die gleiche Strecke zurückzufahren. Villa O´Higgins heißt der Zielpunkt der Carretera Austral – aber leider ist der geplante Grenzübergang beim Paso Rio Mayer wegen einer fehlenden Brücke noch nicht eröffnet. (Fußgänger und Biker können aber per Boot nach Argentinien – und gelangen so direkt nach El Chalten am Fuße des Fitz Roy Massivs!)
Wir verkneifen uns also diese holprigen 500km schweren Herzens – mit folgender Überlegung: zu Weihnachten startet der Ferienrummel in Patagonien und die Nationalparks sind dann völlig überlastet. Es erscheint uns klüger, recht rasch unser Wetterglück an den berühmten Bergen dort zu versuchen.

Also geht es ein paar Kilometer die Carretera zurück, dann ein unspektakulärer Seitenweg – der durch ein spektakuläres Tal ostwärts führt, uns über den Paso Roballos nach Argentinien bringt. Eine Guanaco-Familie mit besonders neugierigen Jungen beäugt uns interessiert. Der saftige, feuchte Talboden wird von steilen Felswänden mit schneebedeckten Gipfeln begrenzt. Langsam steigt die gute Piste höher, das Wetter wird dafür schlechter. Wind, Nebel, dann Regen. Das schmälert nicht den landschaftlichen Reiz – es kommen ein paar Überraschungsmomente dazu, wenn plötzlich ein zackiger Gipfel zwischen den Wolken hervorbricht.
Zum chilenischen Grenzposten kommen wir unvorbereitet. Nämlich in kurzen Hosen. Schneeregen setzt ein. Die freundlichen Beamten machen kurzen Prozess, stempeln unsere Pässe, wünschen gute Fahrt, das war´s.

Im Niemandsland. Feuchter Schneefall, starker Wind. Neben der Piste ein Campingbus. Wir trauen unseren Augen nicht: Ein CS „Independent“ - der Mercedes Sprinter Allrad mit gediegenem, stabilen Innenausbau ist genau unser Traumfahrzeug. Zur Realität fehlen läppische 100.000 Euro. Ein kurzer Plausch mit den Schweizer Besitzern zeigt – ihre Wahl war richtig, von Halifax über Alaska bis Patagonien sind sie fast problemlos unterwegs... (von gebrochener Blattfeder und verendeter Einspritzdüse mal abgesehen...)
Zwischen den Schneeflocken behauptet sich ein Berggipfel – der aussieht wie eine Kathedrale, Kirchturm inklusive. Ein paar Kilometer näher hin noch – dann sind wir am argentinischen Grenzposten. Die nicht minder freundlichen Grenzer bestätigen, dass mit den Pferden hier die Grenze überwacht wird. Angesichts der tollen Landschaft und der schönen Tiere möchte Gaby gleich morgen hier zu arbeiten beginnen...
Zahllose Wasservögel tummeln sich im Sumpfgebiet des Hochtals. Wir suchen einen windgeschützten Nächtigungsplatz. Rechts Felswand, links Wasser – keine idealen Voraussetzungen. So fahren wir weiter – und sind plötzlich mitten in Wildwest. Rote Canyonwände lassen uns nach Indianern Ausschau halten.

Schließlich finden wir hinter ein paar Büschen im wilden Südwesten Argentiniens ein brauchbares Plätzchen, der Eintopf ist rasch erwärmt und langsam verschwindet das Tageslicht. Es ist fast halb elf und beinahe schon der längste Tag des Jahres hier in Patagonien.