Sonntag, 24. Juli 2016

In den Dschungel


In Rurrenabaque erwartet uns zwar der Hitzeschock, die Moskitoplage hält sich hier im Ort aber in Grenzen. Daher wagen wir gleich den nächsten Schritt: Ab in die Natur.
Das ist hier gar nicht so einfach, es gibt die Qual der Wahl: Dschungel oder Pampa oder beides? Was länger, was kürzer? In den Nationalpark, ins Naturschutzgebiet oder in ein privates Reservat? Und schlussendlich: welchem der vielen Anbieter opfert man sein Geld...?
Wir entscheiden uns gegen eine lange Bootsfahrt in die Tiefen des Dschungels mit der vagen Chance auf  eine Jaguarsichtung. Wir buchen dafür eine etwas längere Tour in das private Schutzgebiet Serere und hoffen, damit sowohl die Dschungel- als auch Savannenlandschaften kennenzulernen.
  
Unser Auto lassen wir im Garten eines schönen, alten Holzhauses (Buchungsstelle unserer Tour) und steigen für drei Stunden in ein eher unbequemes Langboot, es geht gemeinsam mit einer Handvoll anderer Gäste den breiten Rio Beni hinunter. Ein paar Wochen weitertuckern und wir sind via Amazonas am Atlantik – und dann könnten wir ja heim schwimmen...
   
Nix da, wir werden in den Dschungel verfrachtet, die gute halbe Stunde Fußweg zu unserem Häuschen ist bereits Sauna mit Gelsengesellschaft. Die einfache Hütte hat Dach und Fussboden, ein Duschabteil (leider meist ohne Wasser) und rundherum ein Moskitonetz. Freie Sicht in die Natur, lautet das Motto. Einziger Einrichtungsgegenstand: das Bett - mit dem wichtigsten Utensil, einem sehr dichten Moskitonetz!
Für die nächsten vier Tage sind wir in bester Gesellschaft: mit unserem Guide Rigoberto erkunden wir Primärdschungel, durchqueren ein paar Bananenhaine und Sümpfe und rudern über die Teiche des rund 40km² großen Schutzgebietes.
   
Jaguar? Natürlich nicht zu sehen, aber immerhin finden wir seine Fußspuren im Schlammloch, daneben gleich etwas kleinere Ozelot-Tatzen. Heftiger Katzenverkehr hier, aber wohl nur zu nächtlicher Stunde. 
Wir finden trotzdem zwischen den Riesenbäumen und dichtem Gestrüpp einige interessante Tiere. Kapuzineraffen, Totenkopfäffchen und ein paar Klammeraffen turnen durch die Bäume, in der Entfernung machen Brüllaffen ihrem Namen alle Ehre. 
Plötzlich steht ein Tapir vor uns. Diese Begegnung ist nicht ganz so wundersam (weil selten), denn dieses Tier wurde als Waise gefunden und im Reservat aufgezogen – fürchtet Menschen also nicht.
   
Wohl Distantz zu den Menschen hält das Faultier, Höhenangst scheint es aber nicht zu kennen: In den obersten Astgabelungen macht es sich der dreizehige Geselle gemütlich, abwechselnd leger hängend oder entspannt sitzend. Der Baum wiegt sich heftig im Wind, aber die gute Aussicht dort oben ist wohl durch nichts zu ersetzen. Und die wohlschmeckenden Blätter tun ein Übriges, um die Schwankungen zu genießen...
In Bodennähe tut sich auch noch einiges. Habe ich die Moskitos und Bremsen schon erwähnt? Blattschneiderameisen tragen große Lasten (und teilweise einen Artgenossen noch dazu) über den Waldboden, ein giftiger Pfeilfrosch lauert auf Opfer und fast alle Büsche sind durch Spinnennetze miteinander verbunden. Da muss man ganz schon aufpassen, um einen freien Weg zu finden! Viele Spinnen in verschiedenen Farben und Größen zeigen sich dann besonders in der Nacht, besonders beeindruckend die handtellergroße Tarantel mit schwarzen und roten Haaren...
   
Am und rund ums Wasser tummeln sich die unterschiedlichsten großen und kleinen Vögel, besonders erfreuen wir uns an der Harpyie, einer äußerst seltenen Adlergattung, die durch das schwarzweiße Gefieder und die weiße Federkrone besonders attraktiv ist. Aber auch der kleine Kardinal mit seinem samtroten Kopf oder der so plump wirkende (und tollpatschig wie ein Huhn fliegende) Serere sind eine Erwähnung wert.
 
 
Hab` ich schon gesagt, dass es hier viel Beißendes, Stechendes und Stacheliges gibt? Jeden Abend finden wir ein paar weitere Dornen in Zehen, Füßen oder Händen, die hier sofort Entzündungen hervorrufen. Ich pflücke zwei Zecken von meinen Beinen, die Schwellungen gehen aber rasch zurück.
Wettermäßig haben wir riesiges Glück, wir sind gerade in einer Trockenphase hier (ja, auch in der Trockenzeit regnet es im Dschungel immer wieder...) und trotz einiger sehr nasser Passagen sind unsere Ausflüge keine Schlammschlachten. Durchnässt sind wir durchs Schwitzen aber sowieso!
  
Nach vier Tagen haben wir genug gesehen und erlebt. In der „Großstadt“ Rurrenabaque mit seinen weit verstreuten 11.000 Einwohnern warten der Schlafwagen und ein bequemes Hotelzimmer auf uns...