Samstag, 23. Juli 2016

Runter die Todesstraße!


Oben auf der Passhöhe schauen wir zurück auf zwei Monate frischer Höhenluft, frieren eine Runde fürs Foto im T-Shirt und beobachten, wie eine Gruppe Einheimischer unter der Christusstatue eine traditionelle Opferzeremonie abhalten. Bei der Todesstraße weiß man ja nie...
   
Gut, um es gleich zu sagen: Die berühmte „Camino de la Muerte“, die von La Paz gute 3000 Höhenmeter in die Yungas, das bolivianische Amazonasbecken führt, ist weit weniger gefährlich oder abenteuerlich als viele Bergstraßen die wir in Peru gefahren sind.
Abenteuerlich ist höchstens das Raubrittertum: an zwei Stellen ist die landschaftlich sehr schöne Strecke mit Eisenketten gesperrt – und ein (nicht sehr hoher) Obolus wird eingefordert...
   
Im übrigen können wir uns auf die Talfahrt konzentrieren und genießen den Wechsel der Landschaften vom kahlen, stürmischen  Altiplano auf 4650m in die üppig grünen, schwülen Wälder. Zwischendurch geht’s durch dichte Wolken mit ein paar Spritzern Regen - das ist am Andenostrand aber ganz normal...
Ein paar Mal geht es wirklich steil runter neben den linken Reifen - wobei hier eine Spezialität zu beachten ist: damit der Fahrer stets die Distanz zum Abgrund neben sich besser abschätzen kann, herrscht hier Linksverkehr! Da immer auf richtigen Seite zu sein (diese Regelung gilt auch noch bis lange nach dem Ende der "Todesstrecke"!) und nicht von einem talwärts rasenden Biker abgeschossen zu werden, sind die beiden Kriterien dieser Strecke...
Wir erkundigen uns genau, ob die Straße eh in gutem Zustand sei und derzeit geöffnet und sowohl in unserem Hotel in Caravani als auch bei der Tankstelle unterwegs erfahren wir: alles bestens, alles offen, keine Probleme! Na, dann nix wie los und hinunter nach Rurrenabaque, der tropische Madidi-Nationalpark wartet auf uns.
So einfach wird es uns doch nicht gemacht: Die Piste zeigt tendenzielle Auflösungserscheinungen, verschwindet hie und da im dichten Nebel und nach ein paar Schauern bilden sich Schlammlöcher – in denen die überladenen, bergwärts fahrenden LKWs hängen bleiben wie die Fliegen im Honig...   
Wir dürfen das Schauspiel „mit 30 Tonnen durch das Schlammloch“ in verschiedenen Varianten bestaunen, als ein unbeladener Sattelschlepper dann seitwärts wegrutscht und unseren Schlafwagen um vielleicht 20cm verfehlt, gefriert uns das Lächeln auf den Lippen...
Ärgerlich, wegen der LKW-Bergungen eine Stunde zu verlieren – aber es ist dann doch egal: entgegen allen Infos ist die Straße weiter unten wegen Asphaltierungsarbeiten derzeit täglich (außer So) von 9 – 17 Uhr gesperrt. Vor uns sind schon ein paar Autos vor der Schranke gestrandet, hinter uns wird die Schlange länger. Aber alles erstaunlich geordnet. In anderen Ländern würden wohl mindestens 4 Autos in der ersten Reihe stehen... 
Und wir sind nicht die einzigen, die die Zeit für eine Jause nutzen...
   
Nach fast 3 Stunden Ruhezeit folgt die angenehme Überraschung: die letzten 140km nach Rurre sind durchgehend gut asphaltiert, nach rund 90 Minuten erreichen wir mit dem letzten Tageslicht den Ort. Nächste angenehme Überraschung: Ohne Diskussion erhalten wir hier (und im gesamten Tiefland bis an die brasilianische Grenze!) den Diesel zum Einheimischen-Preis!