Sonntag, 13. März 2016

Aconcagua

10 - Aconcagua
Man kann es aus verschiedenen Seiten betrachten, die Perspektive wechseln, aber wir sind uns einig: dem Berg fehlt das Einmalige, der Wiedererkennungseffekt, das hochandin Betörende. Eigentlich darf man das vom höchsten Gipfel Amerikas schon erwarten. Andererseits: Es gibt ja 187 Berge, die höher sind. Diese liegen aber alle in Asien: Himalaya, Karakorum, Hindukusch...
Wir versuchen es aus drei Richtungen, das Ergebnis bleibt mau. Hinter den Weinbergen des Valle de Uco steht ja ein beinahe schmächtiges Berglein im Wolkengewand mit flachem Gipfelverlauf. Direkt vom Aconcagua Nationalpark aus – finden wir andere Gipfel rundherum viel imposanter und die Fahrt auf den Pass zum schneeweißen Cristo Retendor sowieso beeindruckend. Aus dem Nordosten, vom Leoncito Nationalpark betrachtet, lässt sich wenigstens erahnen, dass es vom Plateau in rund 2000m noch mächtig steil hinaufgeht – bis auf 6962m.



Freitag, 11. März 2016

Victor in Uspatalla - im südamerikanischen Tibet

  
„Hola! Do you speak english?“ Verlebtes Gesicht, ergrautes Haar, schmutziges T-Shirt. Freundliches Lächeln. Schnell kommt man ins Gespräch.
Nach sechs Jahren an der Atlantikküste in Mar del Plata ist er vor sieben Jahren ins argentinische Tibet gezogen (im Tal wurde der Film “Sieben Jahre in Tibet“ gedreht). Begründung: aus der Heimat Kapstadt ist er wegen der steigenden Unsicherheit nach Südamerika übersiedelt und hier, in diesem überschaubaren Dorf, dem Sprungbrett über die Anden nach Santiago, da „muss man einen schon auffordern, dass er mich überfallen soll!“

Trotzdem, die Zeiten ändern sich. Seit Macri die Regierung übernommen hat, „befriedigt er die Investoren und läßt die Bevölkerung bluten.“

Die Milliardenzahlungen an die US-Investmentfonds werden geleistet (Folge von Spekulation nach dem Staatsbankrott 2001), derweil steigt die Inflation im Lande. Strom soll um 300% teurer werden, von den Lebensmittelpreisen und dem aktuellen Spritpreis gar nicht zu reden...

„In der Bevölkerung kocht es. Der Volksaufstand ist nicht mehr fern“ orakelt der bodenständige Zimmermann und sieht dunkle Wolken über dem Land. „Und wem nutzt es hier, wenn er Dollars kaufen kann, aber keine Peso hat, um die Familie zu ernähren...?“ Nachdenklich lässt er uns im „Tibet-Cafe“ – ausgestattet mit den alten Film-Requisisten – beim Kaffee sitzen.



Dann kann ich den geflickten Reifen abholen, der in der Gomeria gerade rechtzeitig vor der Siesta fertig wird. Kostet 160 Pesos, also rund 10 Euro. vor drei Monaten war das nach offizellem Kurs  noch 16 Euronen

Heute tut sich hier was...

Die Party geht wohl wieder bis 6 Uhr morgens. Nicht nur laute Musik schallt aus den Fenstern, Gelächter, Rufe. Vielstimmiger Gesang. Lebensfreude - außer für die die gerne schlafen würden. Neben unserem Stellplatz steht das Hochhaus, aus dessen Fenstern die vielen Phon kommen. Aber auch hier in Nordchile, genauer in Iquique, ist ein südamerikanischer Grundsatz präsent: wenn wer feiert, soll er nicht gestört werden. Und man kümmert sich nicht darum, ob andere gestört werden könnten...
Ich nutze die Nachtstunden zur Arbeit. Wie zu bemerken ist, habe ich wieder mal ein funktionierendes Internet. Das wird für den Blog natürlich gnadenlos ausgenutzt. Aber nicht nur dafür...
Denn zum Halbzeit der Südamerikatour muss man auch schon ans Ende denken. Und unser Landcruiser sucht ab Ende Juli ein neues Zuhause. Daher poste ich die Verkaufsannoce in diversen Foren und Websites. Neugierig?
Mal hier schauen:
https://www.willhaben.at/iad/gebrauchtwagen/auto/toyota-land-cruiser-j95-vx-153542177/

Und während ich so schreibe, formuliere und korrigiere vibriert das Handy. Michl, weltreisender Umweltbiologe schreibt eine WhatsApp-Nachricht: "Komme grad aus Australien, bin jetzt zwei Wochen in Lima auf einer Konferenz. Wo seid ihr, können wir uns treffen?" Das klingt nicht schlecht, wir sind sowieso auf dem Sprung nach Peru...

Tja, so klein ist die Welt mit den heutigen Kommunikationsmitteln...

Aus einem anderen Hochhaus-Fenster kommen Jubelschreie. Fußballmatch? Tooor geschossen? Wohl eine Übertragung aus dem fernen Ausland, denn um zwei Uhr morgens wird nicht mal in Südamerika gekickt...

zum 200. Posting - der 200.000. Zugriff

Unglaublich. Danke dir und dir und dir und besonders dir. Du bist in guter Gesellschaft. Unlängst, gerade vor dem zweihundertsten Blogbeitrag, haben wir in der Statistik ablesen können, dass es schon zweihundertausend Zugriffe auf diesen Reiseblog gab. Aus allen Kontinenten - wenig überraschend aber am häufigsten aus Österreich...

Nochmals danke, und ich werde noch ein halbes Jahr weitermachen - bis zum Ende der Reise. Rückmeldungen und Kommentare sind natürlich weiterhin gern gelesen :-)

Kondortreffen

Ui, wie haben wir uns über undere erste Kondorsichtung in den Anden gefreut...
Im Torres del Paine Nationalpark sind wir bei Sturm einen berg raufgehechelt, um die riesigen Neuweltgeier zu beobachten.
Und jetzt?
Völlig unerwartet, als wir um eine der vielen Kurven der Ruta de los Caracoles schleichen, sehe ich (wirklich ich, normalerweise ist ja Gaby unser Adlerauge...) die Shilouette von vielen großen Vögeln an einem Bergkamm.
 
Viele Geier! Kondore etwa?, frage ich. Die Beifahrerin kann´s nicht glauben, die Giganten der Lüfte treten ja nicht wie die Papageien in Schwärmen auf. Stopp. Fernglas angesetzt. Sie bestätigt: "Kondore, ich zähle zumindest dreizehn!" Beim Blick nach oben kommen gleich noch ein paar dazu.
 
"Keine Feier ohne Geier?" Gerade als wir uns zur Beobachtung einrichten wollen, fährt ein Ignorant mit seinem Auto an uns vorbei, den Vögeln entgegen - und scheucht die ganze Gruppe natürlich auf...
  
Wir warten noch eine Stunde, kein Vogel lässt sich mehr blicken. Hol´s der Geier!
Natürlich sind wir dann neugierig, weshalb da soviele Aasfresser zusammenkamen - und finden unweit der Stelle den Grund: die traurigen Reste zweier offenbar gewilderter Guanacos liegen zum Verzehr bereit...
  
Und dann ist uns noch was aufgefallen... Bei Recherchen, ob solche Kondorversammlungen üblich sind (wissen wir noch immer nicht...), sind wir auf Forschungsergebnisse gestoßen, dass der Kondor gar kein "normaler" Greifvogel sei - sondern mit dem Storch verwandt ist! Ob dies aber wirklich so ist, bleibt bei den Vogelkundlern umstritten...

Wer mehr darüber wissen möchte, könnte hier beginnen: 
http://www.zoodirektoren.de/index.php?option=com_k2&view=itemlist&task=category&id=367:neuweltgeier
http://www.sueddeutsche.de/wissen/ordnungen-im-tierreich-falkes-neue-brueder-1.398289

in den Hügeln vor dem Riesen: Ruta de los Caracoles

Die Schneckenstrecke, ein passender Name: Die Schneckenwindungen führen bis über 3000m hinauf, die Geschwindigkeit ist dank Kurven, Steigung, Fotostopps und schlechter Piste schneckengleich. Ein Reifenschaden erhöht das Durchschnittstempo auch nicht.  Aber wirklich sehenswert, diese Route.
   
Ganz besonders, weil wir am höchsten Punkt unser Nachtlager aufschlagen und die ganze Zeit die Kordillere mit dem Aconcagua vor Augen haben. Vollmond hilft, die Wolken stören gelegentlich, tragen aber zu fantastischen, rasch wechselnden Stimmungen in wilden Farben bei...

Dass wir unterwegs einem Kondortreffen beiwohnen durften, das steht im nächsten Bericht.

Weintrauben und Menschenmassen, Annäherung an eine Millionenstadt - Mendoza

Aus der Einsamkeit der Vulkanwelt kommend, möchten wir zunächst noch einmal in den Anden bei angenehmen Temperaturen - so in rund 2000m Seehöhe – übernachten, bevor wir uns ins Gewühl Mendozas stürzen. 


Weshalb fahren hier so viele Autos? Reiter kommen uns entgegen! Gibt es ein Fest in einem Bergdorf? Schließlich ist ja Sonntagnachmittag.
Wir gondeln gut gelaunt an Weinbergen vorbei, immer leicht bergauf, es wird langsam kühler. Eigentlich fahren wir durch eine Halbwüste, aber das Wasser aus den Anden ermöglicht die künstliche Bewässerung hier im Valle de Uco.
Was ist das? Rundherum chaotisch parkende Fahrzeuge jeden Alters, oha, ein Handarbeitsmarkt, Eisstandln. Links eine riesige Skulptur, Hunde frei (größer) oder an der Leine (Pudel oder weniger) sind in alle Richtungen unterwegs. Asadoduft legt in der Luft. Der Campingplatz dürfte gerade Austragungsstätte der Grill-WM sein. 


Auf einer Freiluftbühne ein Komiker, alle lachen, wir nicht. Soviel Spanisch verstehen wir nicht und dort steht leider kein Pantomime... Die ersten verlassen die Stätte des Massensonntagspicknicks, daher kann ich den Landcruiser unter einem riesigen Kreuz fallen lassen.


Eine große Plakette am Fuße des kolossalen Denkmals klärt auf: Wir sind an der Ruta Sanmartinianas, die riesige Statue wurde zu Ehren des argentinischen Generals und Befreiers von Chile und Peru (in den 1820-er Jahren) errichtet. Hier und an anderen Andenpässen hat er durch Gewaltleistungen mit einer Freiwilligenarmee das Hochgebirge überquert. Im Übrigen hat er so nebenbei als erster das Gebiet um den Aconcagua näher erforscht.

Mehr über diesen südamerikanischen „Kontinentalhelden“: de.wikipedia.org/wiki/Jos%C3%A9_de_San_Mart%C3%ADn

Wir streifen durch das bunte Menschengewirr, man prostet uns zu; Gitarre, vielstimmig begleitet, Assado. Nett, aber sicher nicht der Platz zum übernachten.



Wir wagen uns weiter vor ins enger werdene Hochtal, ein paar Geländefahrzeuge kommen uns entgegen. Ein Blick auf die Landkarte zeigt: Auf den Spuren San Martins könnten wir auf rund 4300m nach Chile rüberrutschen... Wolken verschleiern die Fünftausender. Die Piste wird interessanter, der Verkehr tendiert gegen null. Auf 2600m, an einem rauschenden Bergbach wollen wir nächtigen. Abendessen, das Tageslicht wird weniger, es wird saukalt. Notbremse. Wir holpern in der Dämmerung noch ein paar hundert Höhenmeter runter. Wärmer, windstill. Gute Nacht in den wolkigen Anden.

     
Wo gestern noch high life war – herrscht heute Grabesstille. Wir haben General San Martin für uns allein. Weiter geht’s durch das Valle de Uco, einem aufstrebenden Weinanbaugebiet. Im Hintergrund erblicken wir erstmals den Aconcagua. Bald verzieht sich der höchste Berg Amerikas/der westliche Welt/der südlichen Hemispäre hinter ein Wattewolkenmeer.
Statt einer Weinverkostung z.B. bei Salenstein (wirklich guter Merlot!) bleiben wir bei den vorgeschriebenen 0,0 Promille und rollen Mendoza entgegen. Eigentlich wollen wir uns in der Weinmetropole nicht lange aufhalten. Den guten Tropfen gibt es doch bei uns daheim zur Genüge und auch sehr gut. Und Mendoza selbst – obwohl eine der ältesten Städte in Lateinamerika – hat wenig Sehenswertes: Erdbeben haben die Vergangenheit unsichtbar gemacht.
Uns gefallen die Lokale in der Fußgängerzone und trotz der 35 Grad spazieren wir mit Freude über die 5 zentralen Plätze. Okay, Gaby hechelt ein wenig... 

 
Ich suche nach einer neuen Fototasche, denn meine Lowepro Flipside 400 gibt den Geist auf: alle Reißverschlüsse quittieren den Dienst. Tatsächlich gibt es diesen Fachmann aus (in Europa) längst vergangenen Zeiten. Und um rund 10 Euro wechselt er die Reißverschlüsse. Allerdings dauert es bis morgen... 




Jetzt, gegen Abend noch aus der Stadt fahren und irgendwo ein Plätzchen finden? Blödsinn! Booking.com fragen und in der Stadt nächtigen. Bei noch immer 30 Grad ist ein Zimmer mit Klimaanlage eine gute Option. Das Casino-Hotel erweist sich als passender Kompromiss. Ob wir da noch was gewinnen werden?

„Herr Polizist, bitte wo ist das Casino-Hotel?“ Kurzer, ratloser Blick auf die Demo am anderen Straßenrand. Dann: „Das muss da drüben sein!“ „Da sind wir doch gerade vorbei gegangen!“
Wir schauen nochmals hin und tatsächlich: Da gibt’s ein Casino! Es handelt sich jedoch nicht um die erwartete Spielhölle, sondern um das Offizierscasino des VIII. Gebirgsjäger-Bataillons. Wir checken ein.  Geht es den Militär shier so schlecht, dass sie ihre Unterkünfte vermieten müssen?


Vielleicht ein neuer Ansatz, um Geld für das österreichische Bundesheer aufzutreiben?


Hier noch eine Karte von den 6 Andenquerungen des quirligen Generals. 
Wir waren insgesamt  an den Routen 1, 4 und 5.