Samstag, 23. Juli 2016

Stopover in La Paz


Runter wollen wir, rein in den Kessel von La Paz! 
Aber zuerst müssen wir usn durch die höchstgelegene Großstadt der Welt quälen – durch El Alto. Es ist Samstag Mittag und die Straßen sind relativ autofrei. Dafür findet auf der Haupteinfallstraße ein bunter Umzug statt (wegen der vielen Ratschen in LKW-Form schließen wir auf die Lkw-Fahrer-Gewerkschaft/Vereinigung) und wer da nicht dabei ist, befindet sich wohl in den Straßen der Stadt – diese sind ein endlos großer, für uns Außenstehende undurchblickbar chaotischer Markt, der mit seinen Fangarmen selbst vor den Schnellstraßenbrücken nicht halt macht. 
     
Dafür kann ich auf einem der „Flyover“ unser Auto einfach mitten auf der Straße abstellen, ein paar Photos schießen (etwa von der Büste Che Guevaras (endlich wieder!) aus alten Motorteilen und Zahnrädern) und ohne Huperei bewegt sich der Verkehr rings um mich langsam weiter...
Gute zwei Stunden brauchen wir mit den obligaten Verfahrern und Einfahrern (hoppla, verkehrte Einbahn...) um nach La Paz selbst runterzukommen. Die Abfahrt in den Talkessel mit Häusern bis in die steilsten Hänge finden wir äußerst beeindruckend, das Stadtbild und die Architektur selbst aber weniger.
   
Auf 3300m stellen wir das Auto ab, wir sind im legendären Hotel Oberland am Stadtrand angekommen. Für Südamerikareisende ist dieser Platz seit Jahrzehnten zentrale Anlaufstelle und Treffpunkt in Südamerika. Gleiches gilt für die Werkstatt von Ernesto Hug, die liegt aber mitten in La Paz. Da Wochenende ist, nehmen wir es gemütlich, nur ein Ausflug ins bizarre Valle de la Luna (das dritte auf unserer Reise) lockt uns von der Schweizer Gemütlichkeit weg.
Wir spielen Roulette – und gewinnen: Ernesto (Besitzer der weithin berühmten VW und Landcruiser Werkstatt) mag es nicht, wenn man ohne Vorankündigung vor dem Werkstatttor steht (unsere SMS ging ans Festnetz, blieb daher ungelesen...). Aber als er am Montag um acht aufsperrt, stehen wir schon da und er ist offenbar gut gelaunt, er kümmert sich gleich um uns. „Die Bremsflüssigkeit ist in kurzer Zeit stark abgesunken, ich finde aber keine lecke Stelle im System!“ -  „Na, das sieht nach rasch abgenutzten Bremsklötzen aus!“  „Gott sei Dank, kein Defekt...“ Wir dürfen sofort rein in die blitzsaubere Werkstatt und ein Mechaniker ist auch schon auf uns angesetzt. Zu Mittag sind wir „erledigt“ und wir starten eine Stadtrundfahrt.
Eigentlich fühlen wir uns beinahe wie im Skiurlaub: mit einer ganz neuen Gondelumlaufbahn geht es rauf nach El Alto. Statt beschneite Bäume sind halt jede Menge unverputzter Häuser unter uns...
Über den Hexenmarkt geht es von der gelben zur roten Linie und schon fahren wir um umgerechnet 50 Eurocent wieder talwärts.
   
Wir suchen vergeblich einen wunderschönen kolonialen Kern. Den Reiz der Stadt ergibt wohl die Mischung aus Morbidität, hektischem Treiben und den vielen Farben... Immerhin kommen wir gerade richtig zum Wachwechsel vor dem Präsidentenpalast. Der Platz hier ist übrigens der einzige Ort in Bolivien, wo wir eine konzentrierte Polizistenmenge feststellen (ansonsten sehen wir kaum Uniformierte auf der Straße - kein Vergleich zu Peru oder Ecuador).
Der Versuch, zur Blauen Stunde den Überblick in El Alto zu bekommen, scheitert an der rush hour: Eine lange, lange Menschenreihe steht an der Talstation diszipliniert an, nicht zu vergleichen mit dem schier unkontrollierten Autoverkehr, der durch die Stadt flutet. So geht es per Taxi zurück zur Werkstatt, wo wir auch gleich campieren und die Gesellschaft von ein paar anderen Reisenden genießen, die mit ihren Fahrzeugproblemen etwas länger festgehalten sind.
   
Am nächsten Tag sind wir nach knapp zwei Stunden Stadtverkehr gegen Mittag aus dem Moloch draußen, die Fahrt über die „Death Road“ wird da vergleichsweise wohl eher entspannend...