Montag, 11. Januar 2016

El Calafate und die Gletscherwelt

Wetter? Die Faustregel: Ist die Vorhersage schlecht, so stimmt sie. Wird gutes Wetter angesagt, ist Skepsis angebracht. Dafür kann auch aus dichten Wolken schnell mal die Sonne herauskommen und auf Regen folgt – irgendwas anderes.

Wir möchten den Schiffsausflug zu den in den Lago Argentino kalbenden Gletschern Upsala und Spegazzini buchen und wünschen uns – no na – gutes Wetter. Wir entscheiden uns für übermorgen, Bauchgefühl. Unser Wiener Wetterorakel wollen wir nicht schon wieder strapazieren.

Wir haben einen Tag Zeit, um das Städtchen El Calafate (benannt nach der wohlschmeckenden heidelbeerähnlichen Frucht – gibt es auch als Eissorte hier!) kennenzulernen. Outdoor-Shops, Supermarkt, Hotels, Souvenirläden. Fast ganz unser Geschmack. Andererseits ist es doch recht nett, an der Seepromenade gibt es ein relaxtes Café mit Hippie-Flair und Internet und im Hintergrund stapfen rosa Flamingos durch eine kleine Lagune.

Ein wenig Heimatstolz schwingt mit, als wir am weltweiten Gletscher-Wegweiser die Pasterze finden. El Calafate bezeichnet sich als „Hauptstadt der Gletscher“ - gibt es deswegen gleich mehrere Eisgeschäfte hier? 
 Wir übernachten ohne Lärmstörung beim Landungssteg unseres Ausflugsbootes. Um 5 vor 8 sind wir plötzlich umzingelt: Feuerwehrleute, Gendarmarie, erster Touristenbus. Das Zähne putzen haben wir gerade noch geschafft!


Bei heiter bis wolkig stechen wir in See, der weit-über-100-Plätze-Ausflugskatamaran ist bis zum letzten Sitz voll. Ja, ja, die Hochsaison beginnt. (Es liegen aber noch vier weitere Boote dieses Kalibers am Pier, für Jänner dann...)

Eisberge – tolle Formen, schöne Farben. Tiefblaue Eisberge gibt es auch, aber nur einzelne Exemplare in dieser Farbe. Warum wohl? (sind die mal gekentert und vollgesogen mit Wasser?)


     
Die Sonne versteckt sich hinter einer dünnen Schicht aus Wolken, gar nicht schlecht um sich das Eis blendfrei anzusehen. Andererseits – welche Farben würde das Sonnenlicht aus dem Gefrorenen herauskitzeln...

Der Kampf um die erste Reihe an der Reling wird zwischen charmant und erbarmungslos ausgetragen – aber irgendwann erlahmt das generelle Interesse. Das Boot steht noch immer vor dem gleichen tiefblauen Eisberg und die Kameras der Schiffsfotografen klicken im Akkord. Von irgendwoher wird ein Stück echtes Gletschereis herangebracht. Zuerst ein Foto mit Eis, dann mit Eis im Whisky.


Dreißig Fahrminuten später. Statt Upsala- nun Spegazzini-Gletscher. Weniger Eisberge hier, aber die höchste Gletscherwand (des Sees, des Landes, des Kontinents...?). Beeindruckend.

   
Irgendwie will dem Katamaran keine Drehung nach Steuerbord gelingen, Versuche wären erkennbar. Selbstverständlich warten wir auf der falschen Seite, um dann in erster Reihe den Gletscherabbruch zu bewundern. Dafür dringt ein beißender Geruch aus der Motorraum-Entlüftung in unsere Nase. Wenig später hören wir aus dem Gespräch der Crew heraus: Brand im Maschinenraum des Backbord-Motors...

Wir erheischen noch ausreichend schöne Blicke auf die Eiswand, die Sonne zeigt sich auch, das Wetter-Roulette haben wir diesmal gewonnen.
Mit einer üppigen Verspätung kommt der angeschlagene Kahn zum Ausgangspunkt zurück. Stört uns nicht, wir verpassen keinen Anschlussflug nach Irgendwo...