Mittwoch, 19. August 2015

Langweilig?



Nach über 12 Stunden Schlaf ist das Ende der Biskaya schon fast erreicht, viele Schiffe tauchen aus der Mischung Nebel und Regenwolken auf, an Kap Finisterre (dem altrömischen Ende der Welt) müssen alle dicht vorbei.
Wir ändern den Kurs Richtung Süden und schon wir der Seegang erträglich, auch der Wind hat merklich nachgelassen. Kühl bleibt es trotzdem. Den ganzen Tag lang.
Einer der Offiziere meint, typisch Biskaya, aber ab Herbst geht es richtig los hier.
Ein wenig lesen, ein bisschen im Spanisch-Lehrbuch blättern, eine Stunde im Fitness-Raum, dösen, plaudern, Gesellschaftsspiele und essen. Der Tag ist ausgefüllt, müde sind wir wohl eher wegen der Seeluft als aufgrund der Anstrengungen.

Samstag, 15. August

Wir haben Gibraltar (den Heimathafen der Grande Brasile) weit im Osten gelassen, wir sind mitten im Atlantik. Statt nasskalt ist es nun angenehm warm. Hoffentlich wird der kleine Pool bald eingelassen, sauber wäre das Wasser hier wohl. Und wahrscheinlich kalt...
Der Kapitän verkündet, dass es um 15.30 eine Rettungsübung gibt.
Lothar versetzt alle in Schrecken: Sein Täschchen mit Pässen, Kreditkarten und dem Impfausweis ist unauffindbar. In Antwerpen im Hafen gestohlen? Pragmatische erste Reaktion des Kapitäns: Setz dich – und trink ein Glas Cognac!

Nach einer halben Stunde Entwarnung, der Klassiker: In einer Außentasche gut versteckt...

Dicke Schläuche werden entrollt, zuerst kommt eine Minute laut zischend Luft (zum Anfachen eines Feuers?), dann folgt braune Brühe. Schließlich wir das Wasser in den blau gestrichenen Tank befördert, das Becken füllt sich langsam.
Alarmsirene. Die Crew sitzt schon mit Helm und Überlebenspackung an Deck, wir schlendern scherzend raus. Wird wohl interessant, aber passieren wird während der Überfahrt eh nix …
Schwimmwesten anlegen, Pfeiferl ausprobieren, der siebenjährige Kapitänssohn macht ausgiebig Gebrauch davon.




Dann werden wir tatsächlich in eines der Rettungsboote gelotst, hat mich immer schon interessiert, wie es da drinnen aussieht. Ziemlich eng, aber Sitzbänke zum anschnallen, Notfalllebensmittel, Wasser. Allerdings: die ersten 24 Stunden gibt es nix – weil wegen der Angstzustände käme eh alles gleich wieder raus. Von Seekrankheit gar nicht zu reden...
Nach uns ist die Crew zum Training dran, alle Pumpen und Schläuche werden ausprobiert, der Kapitän koordiniert, kontrolliert und schreibt mit. Alle Mann an Deck. Ralph, unser Messman fehlt. Entweder hat er wegen lauter Musik den Alarm verpasst oder er ist befreit, um sich ums Dinner zu kümmern.
Jetzt folgt Freizeitstress pur.


 Ich bin als erster im Wasser, es schwimmt zwar eine schaumige, braune Schicht an der Oberfläche, aber das wird sich schon noch vermischen. Das Wasser ist erstaunlich warm und der Seegang versetzt das Nass im rund 5 x 2 m großen Becken in interessante Bewegungen, sodass es wie eine Gegenstromanlage im Wellenbad wirkt.




Kaum getrocknet, ziehen dicke Rauchschwaden über das Achterdeck. Riecht nicht schlecht. Das Barbacue ist angeworfen und bei dröhnender Musikanlage versammeln sich Seeleute, Offiziere, Kapitän und Passagiere an einem langen Tisch. Mit Wein und Bier reichlich versorgt braten wir Rindfleisch und Hühnchen - bestens mariniert – auf 2 großen Holzkohlengrills der Marke „maritime Selbstschweißerei“.
Neben Gaby und mir sitzen der Kapitän und der polnische Erste Offizier Marek. Sie erzählen von ihrer Laufbahn und warum es auf Tankschiffen ganz anders läuft, sie überraschen auch: Marek ist Seemann und Nebenerwerbsbauer, der in Nordpolen die Ernte im Dezember einfährt – wenn der Boden fest gefroren ist. Und der Kapitän berichtet, dass man in einem Gebiet Lettlands sogar Wassermelonen anbaut...
Auch dieser Tag vergeht im Fluge, es ist nicht zu glauben, dass wir schon über eine Woche an Bord der „Grande Brasile“ sind.











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