Sonntag, 6. September 2015

Nass durch die Nacht

Gestern gab es so um 3 Uhr herum grosse Aufregung, das Schiffshorn hat getutet, alle haben sich auf der Bruecke versammelt - wir haben der Aequator ueberquert.
Da es auch fuer fuenf Mann von der Crew (lauter Filipinos uebrigens) das erste Mal war, gab es ein grosses Tamtam: Ein naechtliches Foto, zuerst alle, dann nur die fuenf und dann ein Schrei: die 5 haben einen Kuebel kaltes Wasser ueber den Kopf bekommen.

Anschliessend ging es ueber das inzwischen leere Deck (alle Autos in Conacry entladen) nach hinten. Finstere Daemonen traten auf, als Teufel, Gladiator und Spiderman-aehnlich verkleidet, Neptum in Person war da.
Der 1. Offizier verpasste jedem einen Schluck Zaubertrank, ich war der einzige willige Passagier (Thunfisch mariniert mit Essig und Pfeffer, glaub ich) dann wurde jedem eine dicke Spur mit dem Haarscherer durch den Scheitel gezogen (da war ich nicht mehr willig...) und das Gesicht mit Schlagobers eingerieben: symbolische Rasur.


Neptun war inzwischen in den Pool gehupft, so richtig badewarm ist es hier am Äquator aber nicht um 4 Uhr morgens... Immerhin ist die See ziemlich ruhig und kaum mehr als der Fahrtwind zu spüren (aber 30km/h sind eh schon ganz schon heftig).



Einer nach dem anderen wurde ins Becken getrieben, untergetaucht und nach seinen inneren oder aeusseren Werten getauft: Qualle, Kugelfisch oder Victoria's Secret...
Dann die Frage an die Passagiere und ich war gleich dabei, hinein mit mir und der bassstimmengewaltige kroatische 2. Offizier mit weissem Wischmob-Bart und Stanioldreizack tauchte mich unter - getauft auf "flying fish" stehe ich nun pitschnass und frierend am Achterdeck.
Einige andere folgten mir, der 7-jaehrige Kaptitaenssohn war der letzte in der Reihe. Dem war das Spektakel gar nicht geheuer - und warum er diesmal mit Gewand in den Pool sollte, war ihm offensichtlich unerklaerlich...
 Zum Abschluss des Spektakels gab es in der Kaelte - wir stehen ja voellig durchnaesst in T-Shirt & Bermudahose da - einen exquisiten schwedischen Kraeuterlikoer. Sagt der 1. Offizier. Tatsaechlich war dies das grauslichste Gesoeff, dass jemals durch meine Kehle floss - der Thunfischtrank eine Wohltat dagegen gewesen. Aber das war wohl auch Absicht.
 

Der Kapitaen ueberreichte uns schliesslich ein Zertifikat, dass wir auf der "Grande Brasile" friedlich den 0-Meridian ueberquert haben. Dann gings nach kurzer Dusche zureck ins warme, leicht schaukelnde und immer vibrierende Bettchen.

Der darauf folgende Tag verlief weitgehend sonnig, immer wieder sah man Regenfelder niedergehen, einige haben uns auch gestreift - da wir aber angeblich in der Regenzeit unterwegs sind und bis 27. August offiziell (also laut Kapitaen) gar keine Sonne sehen koennen, sind wir sehr zufrieden.
Die Crew beginnt mit den ueblichen Sanierungsarbeiten: Roststellen abschleifen mit hydraulischen Buersten, die millimeterdicke Eisenborsten haben. Dann Primer auftragen. Der naechste Rost kommt bestimmt.
Die Sache ist jedenfalls ziemlich laut, was das Faulenzen am Achterdeck erheblich erschwert. Der Nachmittag ist dem Baden, Lesen und Basketball spielen gewidmet. Letzteres ist am doch permanent schwankenden Schiff besonders spannend...

Abends laedt der Kapitaen nochmals zum Barbacue (wir hatten schon vergangene Woche eines, zwei sind eher nicht ueblich, sagen die Grimaldi-Kenner Sylvia & Lothar). Wir setzen uns mit der Crew zu Tisch, die Filipinos sind zwar freundlich, aber zu reden gibt es leider nicht viel, zu gross der Abstand unserer Welten, zu gross die Sprachbarriere (obwohl einige doch einiges Englisch sprechen).

Heute frueh hat Pascal, der franzoesische Passagier, neben dem Schiff einen kleinen Haifisch gesehen, ansonsten gibt es fuer mich ein neues Buch zu lesen. Ich lege Isabell Allendes "Geisterhaus" zur Seite, weil Lothar einen Schmoecker ueber die "Lusitania" (ein 1915 versenktes englisches Passagierschiff) angeschleppt hat. Mitten am Atlantik ueber den Torpedotreffer zu lesen, intensiviert die Spannung...

Im uebrigen haelt sich die Regenzeit weiterhin im Hintergrund, es geht wunderbar entspannt und entspannend zu, wir werden sicherlich recht entschleunigt in drei Tagen Suedamerika erreichen.

PS: Sorry fuer die fehlenden Umlaute - die gibt es auf der Schiffstastatur leider nicht...



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